Kaum zu glauben: 87,5% der Fußball-WM sind rechnerisch vorbei, nur noch 8 von 64 Spielen stehen aus. Wieder einmal vergeht das Turnier wie im Fluge. Und doch hat man das Gefühl noch mittendrin zu sein, denn die entscheidenden Partien stehen noch aus. Das ganz große Kribbeln hat man auf deutscher Seite wohl erst vor dem Klassiker gegen die Engländer gespürt. Und das obwohl die Vorrunde alles andere als im Spaziergang überstanden wurde. Doch es sind die Begegnungen der K.O.-Runde, die den besonderen Reiz eines WM-Turniers ausmachen. Spiele, in denen es heißt „Siegen oder Fliegen“. Dies sind die Matches, in denen große Mannschaften und Spieler – wahre Fußballhelden – geboren werden.
Doch bevor wir das verbliebene Teilnehmerfeld genauer unter die Lupe nehmen, blicken wir erst einmal zurück auf das Geschehene. Denn das Turnier in Südafrika wird ohne Frage als eines der Kuriosesten in die Geschichte eingehen. Vom Vuvuzelalärm einmal abgesehen, war es zunächst ein Turnier dass durch eine selten gesehene taktisch defensive Grundhaltung geprägt war. Nicht umsonst fielen in der Vorrunde so wenig Tore wie nie zuvor. Dies kam allerdings hauptsächlich den Underdogs zu gute. Selten sah man ein derartiges Favoritensterben schon in der Vorrunde. Übertroffen wurde dies wohl höchstens durch die WM 2002 in Südkorea und Japan. Man hatte in den meisten Spielen den Eindruck, dass jeder jeden schlagen kann. Und so blieben Große auf der Strecke, während manches kleine Team über sich hinauswuchs. Unverkennbar ist das Niveau auf ausnahmslos allen Kontinenten zusammengerückt. Zumindest die Spitzenteams aus Asien, Afrika, Nordamerika und Ozeanien können mit den sich lange in der Favoritenstellung befindlichen Mannschaften aus Europa und Südamerika mithalten.
Bei den Afrikanern muss man allerdings Abstriche machen. Der große Durchbruch ist ihnen trotz den Ghanaern, die sich bis ins Viertelfinale vorgekämpft haben, nicht gelungen. Alle anderen 5 Teams schieden nach 3 Partien aus – die meisten von ihnen mit enttäuschenden Leistungen. Die Asiaten dagegen konnten überzeugen. Bis auf Nordkorea, den Prügelknaben der Gruppe G waren alle Vertreter höchst konkurrenzfähig. Japan und Südkorea schieden nach hartem Kampf im Achtelfinale aus. Viel fehlte beiden gegen Uruguay und Paraguay nicht. Auch die Nordamerikaner profitieren hauptsächlich von ihren zwei Topteams USA du Mexiko, das aber schon seit etlichen Turnieren. Auch diese beiden scheiterten zum Teil unglücklich im Achtelfinale. Selbst Ozeanien zeigt sich mit Australien (das allerdings in diesem Jahr zu den Asiaten zu zählen ist) und Neuseeland höchst konkurrenzfähig. Die beiden Mannschaften mussten zusammen in 6 Spielen nur 1 Niederlage hinnehmen und scheiterten jeweils nur äußerst knapp in der Vorrunde.
Doch was ist mit den langjährigen Favoriten aus Europa und Südamerika? Hier zeigt sich eine sehr gegenläufige Entwicklung. Nimmt man die Turniere seit 1998, als die WM mit 32 Mannschaften eingeführt wurde, waren 9 von 12 Halbfinalteilnehmern europäische Mannschaften – nur Brasilien konnte sich hier zweimal einmischen. Südkorea war einmal dabei. Vor dem südafrikanischen Weltturnier wurden deshalb immer wieder Stimmen laut, man sollte Europa doch bitteschön mehr als die derzeitigen 13 Startplätze zusprechen. Schließlich sollten bei einer Weltmeisterschaft auch die 32 weltbesten Teams antreten. Doch in diesem Jahr konnten die Teams aus Europa die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Hoch gehandelte Teams wie England, Italien oder auch Serbien enttäuschten auf der ganzen Linie. Nur 6 Mannschaften – und damit weniger als die Hälfte – überstanden überhaupt die Vorrunde. Alle 6 trafen in direkten Duellen aufeinander, wodurch nun nur noch 3 Teams in der Runde der letzten 8 sind. Noch nie gab es unter den Viertelfinalteilnehmern weniger als die Hälfte Europäer.
Ganz anders sieht es für Südamerika aus. Die 5 Vertreter des CONMEBOL-Verbandes wussten durchweg zu überzeugen. Alle erreichten das Achtelfinale, vier von Ihnen gar als Gruppenerster. Und wären da nicht Brasilien und Chile aufeinander getroffen, die zwangsläufig ein Team unter sich aussieben mussten, so hätten wir im Viertelfinale vielleicht noch immer alle südamerikanischen Mannschaften dabei. Die Gründe für diesen Erfolg sind auf den ersten Blick nicht leicht auszumachen. Warme Temperaturen können jedenfalls keine Ursache sein, denn der südafrikanische Winter zeigte sich teilweise recht streng. Es scheint jedenfalls so, dass südamerikanische Spieler erstaunlich anpassungsfähig bezogen auf den Ort der Wettbewerbe sind. In den Turnieren auf dem amerikanischen Kontinent sind sie ohnehin meist sehr erfolgreich. Doch auch beim bisher einzigen asiatischen Turnier 2002 gab es mit den Brasilianern einen südamerikanischen Gewinner. Nun könnte es beim ersten afrikanischen Turnier wieder so kommen. Nur bei Turnieren auf dem heimischen Kontinent haben die Europäer noch die Vormachtstellung, andererseits spielen viele Südamerikaner in europäischen Teams, so dass diese möglicherweise auch noch aufgebrochen wird.
Denn über die bisherigen großen Mannschaften Brasilien und Argentinien haben sich diesmal ja auch die kleineren Länder Uruguay, Paraguay und Chile hervorgetan. Die Südamerikaner scheinen also während ihrer Qualifikation einen besonderen Teamgeist zu entwickeln. Da es nur 10 Länder im südlichen Teil Amerikas gibt, kann man sich dort einen Ligamodus erlauben, bei dem jeder zweimal gegen jeden spielt. Diese Partien sind von hohem Niveau und wer sich hier durchsetzt kann sich schon etwas darauf einbilden.
Mit Spannung dürfen wir nun also die Viertelfinalpartien beobachten. In allen vier Spielen tritt ein südamerikanischer Vertreter an. Dreimal gegen Europa und einmal gegen Afrika. Brasilien und Argentinien, die nach wie vor aussichtsreichsten Vertreter, haben dabei mit den Niederlanden und Deutschland natürlich absolute Topmannschaften vor der Brust. Während Uruguay mit Ghana vielleicht eine die leichteste Aufgabe hat, ist Paraguay gegen Spanien auf dem Papier chancenlos. Doch halt – das waren ja die Expertenphrasen vor dem Turnier. Davon sollte man sich nach dem Verlauf der südafrikanischen WM nun nicht mehr blenden lassen. Denn Ghana und Paraguay haben durch ihre bisher gezeigten Leistungen natürlich ebenfalls gute Möglichkeiten auf die Runde der letzten Vier. Lassen wir uns überraschen, ob Südamerika der große Schlag und damit – ich würde es so deutlich ausdrücken – der kontinentale Machtwechsel an der Spitze des Weltfußballs gelingt. Oder ob die Europäer den Angriff mit letzter Kraft abwehren können. Oder gibt es gar die große Überraschung und Ghana trickst die anderen aus? Freuen wir uns auf die letzte und entscheidende Phase der WM!


