Zu Beginn dieses Blog-Eintrags ein Rätsel: 1:0, 0:1, 0,5:0,5, 0:1, 0,5:0,5, 0,5:0,5, 0,5:0,5, 1:0 – was hat diese seltsame Zeichenfolge zu bedeuten? Nein, es sind nicht die Resultate der italienischen Serie A vom letzten Wochenende, obwohl man beim italienischen Defensivfußball durchaus mal über halbe Tore nachdenken könnte, um das Spiel interessanter zu machen. Es ist auch nicht die Auflistung meines letzten Toto-Tippscheins. Nein, aufmerksame Leser der Überschrift werden dahinter gekommen sein, dass es sich hier um die Ergebnisse eines Schachmatches handelt, die noch nicht abgeschlossen ist.

Seit dem 24. April duellieren sich der indische Titelverteidiger Viswanathan Anand und der bulgarische Herausforderer Wesselin Topalow in Sofia in Abständen von 1-2 Tagen und es geht um nicht weniger als den WM-Titel. Wer auf die Schnelle oben genannte Zahlen addiert, wird feststellen, dass der aktuelle Stand 4:4 ist und das Match daher zielsicher auf einen Tie-Break zusteuert. Wer nämlich zuerst mehr als 6 Punkte erreicht – das ist (fast) wie beim Tennis – hat gewonnen. Sollte es aber nach 12 Partien noch immer unentschieden stehen, geht es in die Verlängerung, die aus Partien besteht, in denen geringere Bedenkzeiten herrschen bis hin zum so genannten „Blitzschach“.
Hierzulande scheint das Interesse an diesem Turnier kaum jemanden zu interessieren. Allenfalls Randnotizen findet man in den Zeitungen und auf den großen Internetportalen des Sports. Dabei ist die Schach-WM eine hochernste Sache. Immerhin geht es um nicht weniger als 1,2 Millionen Euro, die der Sieger erhält und der Verlierer geht noch mit 800.000 Euro vom Tisch – damit lässt sich doch der nächsten Mietzahlung durchaus entspannt entgegen sehen. Dass es um viel geht, merkte man auch im Vorfeld, denn da lagen gerade auf bulgarischer Seite die Nerven schnell blank. Aufgrund der isländischen Aschewolke verzögerte sich die Anreise Viswanathan Anands und er beantragte eine Verlegung der Eröffnungspartie um drei Tage. Diese wurde vom Veranstalter als „inakzeptable“ zurückgewiesen und hätte nicht der Weltverband den Start wenigstens um einen Tag nach hinten verschoben, so hätte Anand nur kurze Zeit nach Beendigung seiner 40stündigen Kleinbus-Anreise von Frankfurt nach Sofia am Spieltisch sitzen müssen. Nicht gerade das, was man eine konzentrierte Vorbereitung nennen würde. Doch das strikte Vorgehen der Bulgaren ist möglicherweise auch eine Reaktion auf das von Anand zuvor vorgebrachte Misstrauen: Der Inder glaubt an eine positive Beeinflussung seines Konkurrenten durch die Zuschauer, weshalb auf seine Anordnung hin um den Schachtisch ein Netz gespannt wird, dessen Gewebe verhindert, dass die Spieler den Zuschauerraum sehen können. Außerdem setzte er durch, dass jeder Zuschauer beim Betreten des Saales wie im Flughafen mit Metalldetektoren untersucht wird.
Man merkt schon: Gegenüber den Verhältnissen bei der Schach-WM sind die letzte Woche beschriebenen Psychospielchen im Bundesligafinale nicht viel mehr als Dummerjungenstreiche. So warf der diesjährige Herausforderer Topalow seinem WM-Konkurrenten Kramnik im Jahr 2007 vor, dieser habe während einer Toilettenpause heimlich einen Computer zu Hilfe genommen. Und als im legendären WM-Kampf 1972 der US-Amerikaner Bobby Fischer dem Russen Boris Spasski die Krone entriss, glaubten die Sowjets, der CIA hätte mit geheimnisvollen Strahlen eingegriffen und Spasski das Denken erschwert.
Die genannten Anekdoten zeigen, dass die Schach-WM eine renommierte und sehr anerkannte Veranstaltung ist, bei der alles versucht wird, um den Sieg zu erringen. Doch in Deutschland fragt man sich immer wieder gerne: Ist Schach überhaupt ein Sport? Mit körperlicher Ertüchtigung hat das Gegenübersitzen und Auf-ein-mit-Figuren-bestücktes-gemasertes-Brett-Starren ja nicht viel zu tun. Im allgemeinen wird auch gern auf die tödliche Langeweile hingewiesen, die ein Schachspiel verströmt. Wer könne schon stundenlang dabei zusehen, wenn nichts anderes passiert, als dass Figuren auf einem Brett hin- und hergeschoben werden. Diese Argumente sind alle schlüssig. Andererseits besitzt Schach durchaus Züge eines typischen sportlichen Wettkampfes. Und in diesem Zusammenhang soll auch die Frage erlaubt sein, warum die nicht viel spannenderen und schweißtreibenderen Sportarten Golf, Snooker oder Darts äußerst ausdauernd auf Deutschlands Sportkanälen gezeigt werden? Gibt es wirklich eine nennenswerte Anzahl von Leuten, die sich das regelmäßig ansehen? Wenn ja, dann hat Schach jedenfalls auch eine Daseinsberechtigung im TV. Jeder kennt Schach und Sachachcomputer sowie Schachrätsel in den Zeitungen erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, selbst wenn Begriffe wie „Katalanische Eröffnung“ oder „Slawische Verteidigung“ bei den meisten Stirnrunzeln erzeugen. Doch das muss nicht so bleiben. Wenn Poker ein dermaßen großes TV-Event werden kann, dann kann es die Schach-WM schon lange. Das Fernsehen kann in der Lage sein, das ganze auch interessant aufzupeppen. Mit fachkundigen Kommentatoren und Experten, die in den zahllosen Pausen das Schach-Kauderwelsch erklären, mögliche Spielzüge vorausahnen und durch interessante Animationen unterstützt werden. Vielleicht werden dann sogar ewige Schach-Laien wie meine Wenigkeit das Spiel ein wenig besser begreifen.
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